Wabi Sabi: Vollkommenheit der Unvollkommenheit (oder die Flucht nach Vorne)

Foto: Wiki/Jared Zimmerman

In Japan gibt es eine wundervolle Tradition, die die Vollkommenheit der Unvollkommenheit auf eine ganz besondere Weise ausdrückt und feiert. Zerbricht in dieser Kultur ein Gefäß, das sich schon seit einiger Zeit im Besitz der Familie befindet, so wird es nicht in einer Art repariert, dass es wie neu aussieht. Und keinesfalls wird es weggeworfen. Dort gibt es seit dem 16. Jahrhundert die sogenannte Kintsugi-Technik, bei der die Risse im Material mit Gold aufgefüllt und so die einzelnen Teile des jeweiligen Gefäßes wieder miteinander verbunden werden. Durch diese Technik entstehen atemberaubende Kunstwerke, denen man ansieht, dass sie einmal zerbrochen waren, die nun aber durch die goldgefüllten Risse eine ganz eigene und vor allem einzigartige Schönheit erhalten haben. Hier wird nicht so lange ein Makel kosmetisch behandelt, bis er unsichtbar ist, sondern im Gegenteil wird gerade der vermeintliche Makel hervorgehoben und im wahrsten Sinne des Wortes vergoldet.

Damit entspricht dieses Gefäß dann einem Schönheitsideal, das in Japan Wabi-Sabi genannt wird. Hinter Wabi-Sabi steht die Überzeugung, dass nur das, was eine sichtbare Geschichte vorweisen kann, auch wirklich schön ist. Authentizität ist hier wichtiger als Makellosigkeit. Dinge, denen die Patina des jahrelangen Gebrauchs anhaftet, werden als schöner erachtet als fabrikneue Produkte. Ein Kratzer, ein Riss, eine Delle, eine nicht ganz gerade Linie offenbaren eine Poesie des Alltags, wie sie sterile Massenprodukte nicht hervorzubringen vermögen.In der Kunst und der Architektur Japans hat dieses Konzept erstaunliche Spuren hinterlassen. Und auch die japanische Kalligrafie zeugt von Wabi-Sabi: Nur der lebendige Strich, der Schwung des Pinsels, der in aller Einfachheit das richtige Maß findet, wird als schön empfunden.

Vielleicht können wir dieses Ideal auf unser Leben übertragen, das oft zwischen vielen Ansprüchen von außen und auch innen zerrieben wird. Vielleicht können wir erkennen, dass gerade die scheinbare Unvollkommenheit uns Lebendigkeit und Schönheit schenkt, dass gerade die Geschichten, die sich als Falten in unserem Gesicht eingegraben haben, uns ausmachen und zeigen, wer wir wirklich sind. Gesichter, die von einem wirklichen Leben in all seiner Tiefe berichten können, sind weitaus schöner als die ausdruckslose Oberfläche einer Schaufensterpuppe oder die mit Photoshop bearbeiteten Hochglanzbilder ätherischer Models. In unserer Welt gibt es so viel Künstlichkeit, so viel geschönte Selbstdarstellung, so viel botox-induziertes Dauergrinsen, dass uns das Gefühl für das Echte immer mehr abhandenkommt.

Aber ganz ehrlich: Möchten wir von Masken umgeben sein? Möchten wir, dass die Menschen, die wir lieben, sich vor uns verbergen, weil sie glauben, das würde von ihnen erwartet? Ist es nicht vielmehr das Echte, der ganze Mensch, den wir wahrhaft sehen wollen? Ist es nicht das wirklich Menschliche, das uns berührt?

So können ein wirkliches Gespräch und ein wirkliches Einander-Sehen stattfinden, die wie die Kintsugi-Technik die Narben, die wir alle tragen, sichtbar machen und vergolden. Unsere Unvollkommenheit ist unser schönster Schmuck, denn sie macht uns erst zu echten Menschen. (vgl. „Das Tao des Drachen“/ Bericht von Dirk Grosser)

Wir sollten vielleicht alle mehr unsere Unvollkommenheit aus unserer Geschichte wahrnehmen, und dafür danken. Vielleicht würden wir auch wieder versöhnlicher mit den Geschenken der Natur umgehen. Kleine,von allen Wettereinflüssen geformte,verschrumpelte Äpfel, schauen nicht so schön aus wie sechs gleich große, nebeneinandergereihte Äpfel, aber dafür schmecken sie wunderbar. Kleine, gebogenene Erdäpfel brauchen länger zum Schälen, aber sie sind schneller gekocht und schmecken unfassbar gut! Wenn wir uns immer an der Vollkommenheit messen, dann brauchen wir immer eine Maske, und wer möchte immer hinter einer Maske leben, die einem die Luft zum Atmen und den Blick nach links und rechts verstellt?

Soviel zum Thema: Vollkommenheit der Unvollkommenheit

 

 

 

 

Die physikalische Kreativität

oder: Das Tao der Physik

Eine  unmögliche Vorstellung: „Physik, Kreativität und  Intuition?“                                           Eine  naturwissenschaftliche Sicht, gekoppelt mit philosophischer oder gar mystischer und kreativer Denkweise? Ist das denn möglich? Eine spannende Frage?

 Fritjof Capra und andere Physiker des 20.Jhdt.(Werner Heisenberg zBsp.) , waren überzeugt davon, dass die fruchtbarsten Entwicklungen dort entstehen, wo unterschiedliche Entwicklungen des Denkens zusammenfinden. Eine Auseinandersetzung mit der Physik über die Jahrhunderte hinweg, würde den Rahmen sprengen, aber was hier für mich wesentlich erscheint, ist ein Blick auf die Geschichte, in der Naturwissenschaft, Philosophie, Religion und Kultur noch nicht voneinander getrennt waren und es primär um die Ergründung der Urbeschaffenheit der Dinge ging.

Hier gab es immer wieder ganz unterschiedliche Strömungen. Hier zBsp. möchte ich Heraklit von Ephesos erwähnen, der in seiner Auffassung des ständigen Wandelns und Fließens „panta rhei“, der  indischen und chinesischen Philosophie des  Denkes am Nächsten stand. Das all durchdringende und zyklische Zusammenspiel, nannte er Logos. Dieser Ansatz einheitlichen Denkens, begann sich aber mit dem Dualismus der „Eleaten“ zu spalten, die der Ansicht waren, dass es eine Trennung von Geist und Materie gibt. Hierfür bekannt wurde Parmenides, der das Sein als unveränderliche und einzigartige Konstante sah, und so auch propagierte. Dieser Dualismus hat fortan auch die westliche Denkweise stark beeinflußt. Aus diesen beiden Haltungen des unwandelbaren Seins und der, des ewigen Werdens, entwickelte sich die Erkenntnis des Atoms, einer manifesten Materie, als Grundbaustein aller Entwicklungen. In diesem „Zwiespalt“ um die Sicht einer Weltordnung, die über einen sehr langen Zeitraum über das aristotelische Weltbild geprägt wird, unterstützt durch die entmaterialisierte Weltsicht der Kirche, entwickelt sich eine ganz andere Sicht auf die materielle Sicht der Welt. Wenn ich zurückblicke und meinen letzten Beitrag über den Tanz des Rades hier in Betracht ziehe, so möchte ich daran erinnern , dass es auch hier um zyklische und einander bedingende Modi ging, und nie nur einer linearen Entwicklung entsprach. Ja, wie verhält es sich dann mit dem Wissen Um und mit dem Sein Für? Ist es etwas, dass uns alle betrifft, oder nur wenige, die glauben darum zu wissen? Ist nicht gerade  der Glaube ein Paradoxon des Wissens? oder bedingen sie letztendlich einander? Mein Lieblingszitat dazu ist: Wissen ist Macht, ich weiß Nichts, macht nichts!“ (dabei weiß ich jetzt nicht, ob es von Platon oder Aristoteles stammt?)

„Wahrscheinlich darf man ganz allgemein sagen, dass sich in der Geschichte des menschlichen Denkens oft die fruchtbarsten Entwicklungen dort ergeben haben, wo zwei verschiedene Arten des Denkens sich getroffen haben. Diese veschiedenen Arten des Denkens mögen ihre Wurzeln in verschiedenen Gebieten der menschlichen Kultur haben oder in verschiedenen Zeiten, in verschiedenen kulturellen Umgebungen oder verschiedenen religiösen Traditionen. Wenn sie sich nur wirklich treffen, dh., wenn sie wenigstens so weit zueinander in Beziehung treten, dass eine echte Wechselwirkung stattfindet, dann kann man darauf hoffen,dass neue und interessante Entwicklungen folgen.“( Werner Heisenberg)

Dass, das Denken, seit jeher eine Vormachtstellung inne hat, lässt sich in der Geschichte genauso gut verfolgen, wie im Jetzt. Empfindungen, Intuition, Emotionen, das findet in unserer rational-denkenden Weltsicht, wenig an Beachtung.

Kein Naturwissenschaftler ist angewiesen auf die Praktiken eines Zen Meisters oder Taoisten, und ebensolche brauchen sich nicht mit der Physik auseinandersetzen. Dennoch scheint es auch hier eine große Anziehung zu geben, da jegliche Daseinsform Energie ist, und Alles mit allem verbunden scheint. Die Forschung des 20 Jhdt. brachte  viele neue Erkenntnisse an den Tag. Die subatomaren Teilchen, die in einer permanenten Wechselbeziehung zueinander stehen, und sich fast wie in einem kosmischen Tanz von Energie bewegen und vergehen.                                                                                             So auch dargestellt durch den Tanz des Gottes Shiva, im ständigen Wechsel zwischen Tod und Geburt.

Tatsächlich befindet sich unser Leben in einem immerwährenden Strom zwischen Tod und Geburt. Der Blick auf das Wesentliche, der bleibt uns manchmal verwehrt. Und hier beginnt das Tao zu wirken. Ein Credo auf das  „Wissen Um“, und das  „Sein Für“.

Warum auch immer. Eine Frage, die sich jeder selbst stellt;

und: *immer wieder einmal gestellt werden sollte!*

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