Poesietherapie…….

……und die Kraft des Schreibens!

Wie bei allen kreativen und expressiven Therapien werden auch in der Poesietherapie durch die Förderung der schöpferischen Potentiale, der Wahrnehmungsschulung und der erweiterten Erlebnisfähigkeit, Ressourcen aktiviert, die einer Entwicklung und Heilung dienen können.  Die Erfahrung dieser stärkenden  Wirkung des Schreibens geht wahrscheinlich schon bis ins alte Ägypten und in späterer Folge auf die altgriechischen Philosophen der Antike zurück. Über Jahrhunderte hinweg bedienten sich Schriftsteller und Dichter der Kraft des Schreibens, sowohl in autobiographischer als auch literarischer und aufklärerischer Form. Das 19.und 20.Jhdt. war geprägt von umwälzenden Ereignissen in der Weltgeschichte und damit einher ging auch eine neue Entwicklung in der Tiefenpsychologie. Sowohl Sigmund Freud als auch C.G.Jung führten Selbstanalyse durch ihre Traumtagebücher durch. Die daraus gewonnene Bedeutung des Schreibens zur Selbsterkundung und Selbstanalyse führte schließlich auch zu einer abgeleiteten Form der therapeutischen Begleitung durch das Schreiben. Die Freude über diese neuen Erkenntnisse sollte jedoch nicht lange währen, da durch den aufkeimenden Nationalsozialismus eine Auseinandersetzung hinsichtlich eigener Biographie und persönlicher Bedürfnisse nicht erwünscht war und somit auch im Keim erstickt wurde.

Die ersten weiteren Versuche in der Schreibtherapie wurden abseits des in Europa wütenden Krieges von der deutsch-amerikanischen Psychoanalytikerin Karen Horney 1942 unternommen und in einer systematischen Theorie der Selbsanalyse vorgelegt. Aber erst in den 60iger Jahren wurde die Poetry Therapy in Amerika sowohl in stationärer als auch ambulanter Psychotherapie genutzt und unterJack J. Leedy, Arthur Lerner und Molly Harrower weiter entwickelt und gefördert.  .                                                                     Auch sie stellten fest, dass unter Anwendung des Schreibens mehrere Aspekte wirksam werden. Als Folge der Konzentration können unbewusste Assoziationen leichter aufsteigen und helfen so die innere Bildsprache zu entwickeln und diese zu reflektieren. Durch den Blick aus einer symbolisch,bildhaften Ebene, können neue Sichtweisen integriert und neue Lösungen erprobt werden. Und nicht zuletzt kommt es dadurch auch zu einer Stärkung der Autonomie.

“ Wer verrückt genug war, zur Welt zu kommen, sollte irgendwann begreifen, dass er/sie reif ist für die Entbindung durch Poesie.“ (Peter Sloterdijk)

Oft sind die Grenzen zwischen dem kreativen und heilenden Schreiben nicht ganz klar zu erkennen. Was ihnen allerdings in ihren Grundprinzipien zugrunde liegt, ist ein Prozess, der sich in mehrere Phasen unterteilen läßt. Der Schreibprozess, der auch von Silke Heimes in ihrem Buch beschrieben wird, beginnt mit der Inspirationsphase und mit dem Sammeln von Informationen. Im nächsten Schritt, der Inkubationsphase, wird mit dem gewonnenen Material schriftlich gespielt und experimentiert. In der Erweiterung und Verdichtung gibt es einen Freiraum und eine Unvoreingenommenheit, die sich in der wertfreien Zone befinden. Dieses Rohmaterial führt im nächsten Schritt, der Illuminationsphase, zu neuen Erkenntnissen und teils zu Lösungen. Im letzten Schreibvorgang, der Verifikationsphase, setzt der Sekundärprozess ein, und das Gesamte wird überprüft und ausgearbeitet. Zusammengefasst lässt sich dieser Prozess auch in der Form des „Erinnerns-Wiederholens-Durcharbeitens und der Integration“ beschreiben. Erwähnenswert dazu finde ich persönlich die Parallelen zu den Wirkungsfaktoren in der Kunsttherapie, die sich auch in vier Phasen unterteilen lässt. Ingrid Riedel zBsp. beschreibt in ihrem Buch ausführlich den Gestaltungsvorgang– den Imaginations-und Symbolisierungsvorgang– den Besprechungs-und Interpretationsvorgang und den Begegnungs-und Beziehungsvorgang. Auch hier gibt es den therapeutisch wirksamen Prozess in mehreren Schritten.

“ Ich brauche nichts als ein Stück Papier und ein Schreibwerkzeug, und ich werde die Welt aus den Angeln heben.“ ( Friedrich Nietzsche)

In dieser wunderbaren Tatsache, dass ich prinzipiell in einer sehr einfachen Art und Weise, Zugang zu meinen Ressourcen erlangen und daraus schöpfen kann, liegt auch ein sehr praktischer Anreiz. Prinzipiell kann ich jederzeit und überall schreiben. Das Besondere in der therapeutischen Form des Schreibens liegt allerdings in der Möglichkeit des Austauschs und der Anwendung unterschiedlicher Schreibmethoden. Sei es durch die Variation des assoziativen Schreibens (gelenkt oder frei), des Freewritings, des seriellen Schreibens oder des Clusterings, um nur Einige hier anzuführen.  Eine, meiner Meinung nach, wunderbare Verschränkung gibt es auch in der Anwendung von Kunst-und Poesietherapie. Eine Kombination beider Therapieformen kann gerade dann hilfreich sein, wenn es darum geht, erschlossene Bereiche zu visualisieren und dem Ganzen noch Ausdruck zu verleihen. Durch die Gestaltung kommt noch eine weitere Dimension ins Spiel, die sich in der Illuminationsphase als sehr unterstützend erweisen kann.

Soviel zum Thema: Poesietherapie und die Kraft des Schreibens.                                HEIMES S.(2008): Kreatives und therapeutisches Schreiben, LUTZ W.von (2011): Die heilende Kraft des Schreibens, RIEDEL I. (2004). Maltherapie

 

 

„Jeder Mensch ist kreativ!“

Diese, beinahe, plakative Aussage, stammt von keinem Geringeren als Stephen Nachmanovitch*, einer, der sich Kreativität zum Lebensthema gemacht, und durch ebensolche, die Spiritualität kreativer Prozesse in sein Leben integriert hat. In seinem Buch „DAS TAO DER KREATIVITÄT“ plädiert er für ein Leben mit der Kunst, und stellt die Frage, was uns eigentlich davon abhält, diese in unser Leben zu integrieren. In der Kreativität gibt es eine Vielzahl unerschöpflicher Quellen. Schon Michelangelos Theorie über die Skulptur, die schon immer im Stein gewesen ist, und nur darauf wartet, herausgelöst zu werden, klingt wie eine Aufforderung an ein Schaffen in uns. Diese Parabel veranschaulicht, dass etwas darauf wartet, geformt, gespielt und geschaffen zu werden.  Ungeachtet dessen, ob es sich um einen bildnerischen, tänzerischen, malerischen, musikalischen oder poetischen Ausdruck handelt. In der ganz persönlichen Wahrnehmung liegt der Zugang zur bewussten Erfahrung und Sinnesinformation.

Kreativität als leistungsfreie Zone ermöglicht uns in allen Bereichen zu erforschen und uns unserer Wünsche, Sehnsüchte, Sorgen und auch Ängste anzunehmen und zu benennen. Ich wage sogar zu behaupten, dass es für uns mehr als notwendig ist, sich in  anspruchsloser Haltung, unseren Themen zu widmen. Der innere Zensor, der unser Tun und Handeln täglich bestimmt, braucht gelegentlich eine Auszeit um an eine Achtsamkeit in uns zu gelangen, die unseren Leistungsaspekt auch einmal in den Hintergrund stellt.

Warum nehmen wir uns sowenig Zeit für Essentielles in unserem Leben? Eine nicht ganz einfach zu beantwortende Frage, die es aber wert ist, sich ihr zu widmen. Als Kind scheint es uns mühelos, diesem Drang und Spieltrieb zu folgen, zu entdecken und auszuprobieren. Diesem spielerischen Teil in uns schenken wir nur noch wenig Beachtung. Unsere Erziehung zielt zu sehr darauf ab unseren Intellekt einzusetzen und verdrängt unsere schöpferischen Seiten in uns. Wenn wir diesen wieder Platz einräumen und zu neuem Leben erwecken, entdecken wir möglicherweise verborgene Wünsche und Sehnsüchte. Schätze, die geborgen werden wollen und nicht länger in der kleinen Abstellkammer unserer abgestellten Kreativität allmählich  in Vergessenheit geraten. Es braucht keine Genialität eines Werkes von Michelangelo, Bach oder Rilke, um an sein eigenes Schaffen zu gelangen. Nur eine Hinwendung an die Seiten in uns, die nur dann erklingen und sich entfalten, wenn wir wieder bereit sind, hin zu sehen, zu hören  und zu fühlen.

Soviel zu: „Jeder Mensch ist kreativ!“

(*Stephen Nachmanovitch ist Musiker, bildender Künstler und Autor)