Entwicklung durch Ermutigung!

Kurzmitteilung

Der wunderbare Prof. Gerald Hüther hat sich im Mai 2014 im Gespräch mit Werner Huemer Gedanken zum Menschenbild der Gegenwart und dem „kollektiven Brei“, in dem wir alle leben, gemacht. In unserer entgeisterten Welt, die immer noch von Ressourcenausnutzung geprägt wird, gibt es kaum Möglichkeiten unsere angelegten Potentiale zu entfalten. Wir sind großteils immer noch geprägt von der Vorstellung des entkoppelten Geistes, der durch besonderes Hirntraining zu enormen Leistungen fähig ist.

Hüther rückt in diesem Gespräch allerdings das Menschenbild in den Vordergrund, das uns, seiner Meinung nach, von Anfang an innewohnt, ein Bild des sozialen Gemeinwesens. Die in ihm angelegten Ressourcen drängen danach sich als Potentiale zu entfalten, und brauchen eine Entwicklung durch Ermutigung. Erst so könne ein Beitrag entstehen, der aus sich erwachsen, den eigenen Forderungen und Bedürfnissen gerecht wird und wieder weiter entfalten kann. Eine schöner Gedanke. Eine wunderbare Vorstellung. Meiner Meinung nach lohnt es sich, 22min hineinzuhören!

https://www.youtube.com/watch?v=K0nud8EA0Ew

Und im übrigen: bin ich für mehr „begeistern statt entgeistern“

Kreativität und Neurobiologie

Ein interessantes Buch, dass mir vor Kurzem in die Hände gefallen ist, veranlasste mich, wieder einmal ein paar Fragen nachzugehen.

Gerald Hüther, Neurobiologe, Professor an der Psychiatrischen Klinik in Göttingen, und Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Beiträge, hat sich in seinem Buch mit der Thematik: Leistungsdruck und Stress versus Kreativität und Begeisterung, auseinandergesetzt. Die steigende Zahl an Erkrankungen wie Burnout, Depession und Demenz, scheint in einem direkten Zusammenhang mit den zum Teil, einseitigen und  begeisterungslosen Anforderungen unserer Zeit an uns Menschen, zu stehen. Wie kommt es dazu, dass es möglich ist, „auszubrennen“? Wie kommt es zu einer derartigen Erschöpfung?

Wahrscheinlich ist es nicht einfach, das zu beantworten, jedoch fand ich einige Aspekte aus der Hirnforschung, die für mich eine logische und schlüssige Konsequenz darstellen, und für mich als Befürworterin der Kreativität, einen wissenschaftlich untermauerten Zugang geschaffen haben.

Geprägt von einem Ich-Bewusstsein und einem Wir-Gefühl, werden in uns verschiedene Muster angelegt, die erfahrungsgemäß in einem neuronalen Netzwerk ausgebildet werden. In der Weise entstehen Erregungsmuster, die, je häufiger sie bedient werden, ein umso stabilerers und komplexeres Gebilde errichten. Diese „inneren Bilder“ werden abgelegt und sorgen immer dafür, dass, sobald ich mit anderen Menschen in Beziehung trete, ein spontaner Abruf an mein inneres Handlungskonzept in Gang gesetzt wird. Wir lernen anfänglich großteils  durch Imitation und in Beziehungen.

Wenn ich für einen kurzen Moment das Gedankenexperiment durchführe, in einem völlig anderen Teil der Welt geboren worden zu sein, zBsp. in Grönland oder Zentralafrika, so würde mein Leben durch meine Erfahrungen zur Gänze anders aussehen. Aber, dass sich das menschliche Gehirn innerhalb gewisser Erfahrungsmuster entwickelt, bedeutet auch, dass zum Großteil, die soziokulturelle Umwelt mitverantwortlich ist für die neuronal verschaltete Architektur des Gehirns. In dieser ständigen Orientierung an der „Umwelt“, mit dem daraus resultierenden Anpassungsprozess, stellt sich auch eine schleichende Unterdrückung eigener Bedürfnisse ein. Der Preis des „Dazugehörenwollens“ ist ein sehr hoher, und kann schließlich dazu führen, dass wir in konservativ, angepasster Weise ( ohne das werten zu wollen) eng verbunden bleiben. Oftmals ergibt sich im Zusammenleben eine fast unüberwindliche Widersprüchlichkeit, die wahrscheinlich auf der Tatsache unterschiedlichster Vorstellungen und Prägungen beruht.

Vorstellungen und Ideen können wie selbstgeschmiedete Ketten ins unserem Gehirn verankert sein. Verschaltungsmuster, die wie innere Überzeugungen unser Denken leiten. Eine allzu einseitige Erfahrungswelt verschaltet die Nervenwege allmählich zu immer breiteren Bahnen, und wenn man nicht aufpasst, zu betonierten Autobahnen, die nur mehr gerade aus führen.

Oft ist es dann sehr schwer, diese neuronalen Highways zu verlassen. Das Abbiegen auf andere Wege bedeutet meistens eine Destabilisierung der vorhandenen Reaktionsmuster. Also, wie kann ich einen niederen Gang einlegen und einen anderen Weg einschlagen? Einmal vorausgesetzt, ich möchte die Autobahn verlassen, brauche ich zumindest die Vorstellung dessen, wohin ein anderer Weg führen kann.

In unserer technokratischen Welt ersetzen Geräte unsere Handlungen in effizienter Weise. Niemand wird einer Waschmaschine die Sinnhaftigkeit und Ersparnis an Arbeit absprechen wollen. Es verlangt manchmal nur nach der Frage, ob wir nicht oft genug mit Maschinen verglichen werden, die eine rationale Produktion verlangen, aber keineswegs vergütet!  Gesteigerte Produktivität verlangt nur eins:– Leistungsdruck- der durch Wettbewerb geschürt, nur dazu führen kann, dass ein immer mehr an “ Etwas“, ein immer weniger an “ für Uns“ bedeutet.

Wenn wir in einem neuen Gedankenexperiment die Schnelligkeit unserer Autobahn verlassen, um uns auf einen neuen Pfad begeben. Was passiert? Möglicherweise wird die Angst, nicht mehr mithalten zu können, vordergründig sein, sich nicht mehr mit denen messen zu können, die in hoher Fahrt unterwegs sind, lässt uns wie Verlierer da stehen. Aber was habe ich von einem Leben in Konkurrenz und Nachahmung? Wo bleibt meine Wahrnehmung im Leben, die ich von Anfang an mitgebracht habe? Wo bleibt meine Begeisterung für das Leben?

Begeisterung ist Dünger fürs Hirn“. Dieser Satz hat mich am Nachhaltigsten  aus dem Buch von Gerald Hüther geprägt. Vielleicht kann  dieses Begeistern für Etwas im Hier und Jetzt, die Würze für unser Leben selbst geben. Im subjektiven Empfinden und Erfahren liegt ein wesentlicher Aspekt unseres Tuns. Die Begeisterung im und am Leben ist  Nährstoff, die uns zu einer Gestaltungsfreude führt, die in uns einen neuen Weg ebnet, der alte Bahnen verlässt. In dem Maße, wie wir unsere innere Struktur unterdrücken oder zulassen, wird sich auch unsere Begeisterung entfalten können.

Kreativität ist ein Teil des Schöpfens in uns, die Neues entdeckt und Neues gebiehrt. Wenn wir nicht länger dem „ERschöpfenden“ Teil in uns, den Platz einräumen, den wir für ihn geschaffen haben, dann können wir endlich das wahrnehmen, dass in uns als die Kraft verankert ist, wonach wir alle leben und leben können:

“ SCHÖPFERISCH, KREATIV und BEGEISTERT“

HÜTHER, Gerald (2011)