BEGEGNUNGEN

Mein Heimatort Großraming liegt im wunderschönen Ennstal, eingebettet in das Alpenvorland, Teil der Region Nationalpark Kalkalpen. Aber nicht nur die Natur ist hier besonders schön und reich an Vielfalt, es gibt hier auch etwas, das sich in den Tälern und Gemeinden unseres Landes noch nicht wirklich durchgesetzt hat, und in weiten Teilen des Landes Schule machen sollte. Warum?

Seit November 2014 sind in Großraming, einer knapp 3000 Seelengemeinde (Oberösterreich), 50 (aktueller Stand 61) Flüchtlinge beheimatet. Durch die mittlerweile großartige Initiative einer Plattform, die sich aus ehrenamtlich engagierten Großraminger_Innen zusammensetzt, und aktiv an der Integration der Menschen arbeitet, hat sich hier Vieles getan. Es wurde ein Begegnungscafe eröffnet, das in den Räumlichkeiten eines pensionierten Ehepaares, die ein Geschäft geführt hatten, eingerichtet wurde. Hier findet Begegnung und Austausch statt. Hier werden Kleider und Alltagsgegenstände ausgegeben. Hier wird deutsch gelernt. Die Großraminger_Innen sind eingeladen die Menschen, die großteils aus Syrien kommen, aber auch aus Afghanistan, Irak, Iran und der Ukraine, kennen zu lernen und Berührungsängste abzubauen. Und wo sonst könnte das besser funktionieren als bei Kaffee und Kuchen? Es funktioniert.

Ich war im Cafe mit meiner Mutter. Meine Mutter wird 85 Jahre. Sie hat als Kind noch den zweiten Weltkrieg mit erlebt, ist aufgewachsen in Armut, und weiß was es bedeutet, Entbehrungen, Angst und Not zu leiden.

Sie ist eine aufgeschlossene Frau.                                                                                   Natürlich gab es auch bei ihr anfangs Unsicherheit und Sorge vor „dem Fremden“, aber ihre Bereitschaft dem zu begegnen, ist groß. Sie ist neugierig und geht auf Menschen zu. Sie besitzt die wunderbare Gabe ihr Herz für Menschen zu öffnen und sich für Andere zu interessieren. Kommuniziert wird mit Händen und Füßen, und Manche können sich auch schon gut verständigen. Es war großartig!

Was ich heute wieder erfahren habe, ist, dass Integration, wenn sie gelebt wird, eine erfahrbare Realität ist, die so bereichernd sein kann. Man muss es nur wollen.

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Weihnachten….alle Jahre wieder…the show must go on….

…..dieses Lied von Freddy Mercury schätze ich sehr, nicht nur weil ich mit 15 Jahren schon eine so eingefleischter Queen Fan war….sondern weil ich glaube, dass das etwas ist, das in jedem von uns als großer Bestandteil existiert. Wie auch immer die Show aussehen mag.

Weihnachten, vorallem die Vor-Weihnachtszeit präsentiert sich ja immer in dem ganz besonderen Glanz kommerzieller Blüten, nebst der Solidarität, die als Solidarität verkauft wird. Man kann Vieles kaufen und wenn dabei etwas befriedet wird , dann umso besser. Weihnachten: in keiner Zeit des Jahres werden Gefühle so sehr bedient und gleichzeitig so ausgebeutet, dass es einem nicht nur in der Seele , sondern auch in der Tasche weh tut. Ein Fest so kommerziell hoch zu stilisieren, das im eigentlichen Sinne  geprägt wurde von der Geschichte einer zufluchtssuchenden Familie, das hat mehr denn je den Sinn und den Charakter dieses Festes in den Hintergrund gedrängt. Und es ist aktueller denn je.

Zuflucht. Ein widersprüchliches Wort. Es ist ein weg und es ist ein hin. Der Verlust auf der einen Seite sollte im besten Fall einen Gewinn auf der anderen Seite darstellen. Ausgleichend. Es lassen sich Werte nicht immer abwägen. Nicht in Gold.

Weihnachten. Das Fest der Nächstenliebe. Ein Fest des Gebens und des Schenkens. Und es darf es geben, es soll auch so sein.

Nichtsdestotrotz war Weihnachten für mich in diesem Jahr anders. Abgekoppelt von der Konsumwelt, hatte ich noch nie große Lust auf Weihnachtsklimbim und Punsch und all dem Glitzer drum herum. Es war mir immer auch ein Stück weit egal. Aber diese Weihnachten fand ich es manchmal störend und aufdringlich, ja penetrant. Die traditionell gesetzten Signale in jeder Auslage. Ein Kügelchen da, eine Lichterkette dort….ein Tannenzweig über den Sanitäranlagen und ein singender Engel über der Trachtenbluse. Genug. Es gibt genug für alle.

Ich denke und glaube, dass es einen neuen Blick auf Weihnachten und seine Botschaft braucht. Ein neues Miteinander. Es klingt wie ein frommer Wunsch, aber in Wahrheit ist es ganz einfach.

Es gibt Wünsche, es gibt Tatsachen und es gibt Möglichkeiten. Das eine schließt das andere ja nicht aus. The show must go on……ist für mich ein Leitsatz, den ich nie missen möchte, da ich weiß, dass wenn man  alles das, das man tut, immer dann für richtig findet,wenn man auch weiß, dass man es aus Liebe tut.

The show must go on*……… ist ein solidarischer Imperativ! hier und jetzt! „und alle Jahre wieder“ greift hier etwas zu kurz!

*Ps: ich liebe Weihnachten!

soviel zu: Weihnachten….alle Jahre wieder….the show must go on!

 

Gelassenheit-kein schöner Ort….

….. um sich wieder einmal die „Erlaubnis“ zu geben. ((Erlaubnis)„urloup“ mittelhdt., die einem dann zu Teil wurde, wenn durch das Einbringen der Erntezeit, ein „sich frei stellen zu lassen“, erlaubt wurde). Erlaubnis wofür? Diese Frage stellt sich für jeden selbst.  Ich habe mir in diesem Jahr  einen ganz besonderen Ort erlaubt, und habe in der Natur, und in der Begegnung mit Menschen wieder einmal mehr an Alltagskenntnis und Farbenvielfalt erlebt, und geschenkt bekommen. Dafür bin ich sehr dankbar.

An keinem, zumindest für mich  bekannten Ort, treffen sich die Farben  intensiver und schöner als hier: an der Nordsee.                                                                                      Die letzten  Wochen durfte ich Teil haben, an den sich wandelnden Farbnuancen, die sich im Spiel der Gezeiten  immer wieder ganz neu präsentiert haben. Ein so wunderbares Zusammenspiel der Elemente, das sich von allen Seiten zeigte: manchmal erbarmungslos, ungebändigt, dann wieder besänftigt und zahm. Die Natur im Alltag.

Ein Alltag, der nicht immer ganz so leicht war, und ist. An der Nordsee fällt und steht Vieles mit der Laune der Natur. Früher waren das Überlebensfragen. Heute ist das eine abgemilderte Form. Dennoch hat die Natur mit zu reden.                                                   Da fällt schon einmal eine vorangekündigte Fahrt ins Wasser, weil der Wasserstand nicht mitspielt. Für uns gewöhnungsbedürftig, weil es  so ganz und gar nicht, in unsere zerplante und geordnete Welt passt. Da heißt es entweder abwarten, oder ausweichen und flexibel sein. Und so erlebt man auch den Umgang mit den Menschen. Sie haben sich diese Gesetzmäßigkeiten der Natur, und mit ihr zu gehen, zu Eigen gemacht, und begegnen dem Alltag mit vollem Respekt und einer großen Portion Gelassenheit.                P1050983

Gelassenheit, braucht  nicht immer eine Reise an bestimmte Orte. Ich habe mir dennoch erlaubt, meine Gelassenheit auf zu tanken, und gelernt wieder einmal neu zu danken!

soviel zu: Gelassenheit, kein schöner Ort!

Kurzmitteilung

Begegnungen

Neuen Orten zu begegnen, bedeutet immer wieder Neues zu erfahren. Erst heute durfte ich wieder einen Ort erkunden, der mir einen Blick eröffnet hat, der mir, über Grenzen hinaus das bestätigt hat, dass ich mir von ganzem Herzen, immer und überall wünsche. Work-Life-in common….In Hamburg. Die Schlumper.

Ein Verein, der  Kunst ohne Grenzen lebt:

http://www.schlumper.de/galerie.html

ohne Titel

Eine Streitschrift . Ein Verlangen. Nicht politisch. politisch motiviert. Menschlich.

Zu viele Worte wurden in der letzten Zeit gewechselt. Worte, die weh taten, Worte, die sich gut anfühlten, und Worte, die Orte fanden, wo Taten spürbar wurden. Ich bin eine Verfechterin der Worte, und der Taten. Dennoch weiß ich, dass manchmal Beides nicht möglich ist.

Viele Menschen, setzen Vieles in Gang. Wo gegangen wird, entsteht Bewegung. Zu gehen, bedeutet immer auch ein „von bis zu“. Sich dabei auch immer selbst in die Pflicht zu nehmen, das steht für mich für verantwortungsbewusstes Handeln.

Ich vermisse diese Sicht mehr und mehr. Dennoch motiviert.

soviel zum Thema, das für mich kein Thema ist, weil Menschlichkeit.

Raum für…

Kurzmitteilung

Das Leben hat keine Generalprobe, oder doch?

Wenn man davon ausgeht, dass jeder Akt des Handelns im Leben, gleichsam einer Aufführung im Theater, vieler Proben bedarf, um an die  Form der Darstellung zu gelangen, die seiner/ihrer Rolle gerecht wird, dann kann man auch in seinem Leben manchmal ein Probehandeln verlangen. Jeder Schritt im Leben verlangt Übung.

Seit geraumer Zeit beschleicht mich ein Gefühl, dass diese Probezeiten im Leben nicht mehr Platz haben, da alle immer nur durch einen besonderen Auftritt glänzen müssen. Es gibt kaum eine öffentliche Wahrnehmung des Hinfallens. Aber erst wenn ich hinfalle, kann ich auch das wahrnehmen, was ich brauche, um wieder auf zu stehen. Die Möglichkeit des Scheiterns, setzt erst eine neue Handlung in Gang.

Geht es hier im Besonderen um: Wahrnehmung, Erkenntnis und Anpassung? oder doch mehr um die Frage nach der Wahrnehmung und/oder der Erkenntnis wider der Anpassung?

Meiner Ansicht nach, ist das Leben eine Bühne, und dann besteht Probehandeln immer darin, dass wir uns manchmal Scheitern erlauben dürfen. Immer wieder. Es braucht eben dann auch, einen Raum dafür. Regie führen wir darin aber immer selber. Manchmal wie von selbst, und manchmal auch begleitet. Das erfordert dann immer auch die Situation in unserem Leben, selbst.

Soviel zum Thema: Raum für ….und mein „ganz besonderes Anliegen“ Zeit für….

 

 

Melancholie als positive Kraft

Eine vergessene Charaktereigenschaft?

Melancholie ist eine wunderbare Charaktereigenschaft, voll von Tiefgang, Kreativität und Leidenschaft. Am äußersten Ende der Melancholie lagert die Depression, die häufigste Volkskrankheit. Für Depressive wird es eine Erleichterung sein, aus den Tiefen des Tränensees wieder aufzusteigen und sich in das besinnlich schaukelnde Boot der Melancholie zu retten. Dass das möglich ist, zeigt dieses Buch. Man sollte die Melancholie nicht bekämpfen, sondern akzeptieren. Ein Plädoyer für die Melancholie als positive Kraft. Originalausgabe 2001 im Kreuz Verlag (Stuttgart)

Die Schöpferkraft der süßen Schwermut wird in diesem Buch neu entdeckt. In ihrem Wert erkannt, sollte deshalb die Melancholie nicht bekämpft, sondern akzeptiert werden. Wünschenswert wäre also nicht weniger, sondern mehr Melancholie auf dieser Welt – dann gäbe es weniger Gewalt, weniger Elend, mehr Gleichklang mit dem natürlichen Rhythmus unserer Erde, mehr profundes Wissen und mehr Liebe. Ein Plädoyer für die Melancholie als positive Kraft.

Jeder Mensch hat Melancholie befördernde Momente in sich, aufgrund derer er in bittersüßer Stimmung und Schwermut versinken kann. Weil die Melancholie nicht in den heutigen Zeitgeist und zu unserer Spaßkultur passt und zudem verdächtigt wird, Grundlage einer abnormen Geisteshaltung zu sein, leben wir sie nicht aus, sondern verdrängen sie lieber.

Die wertvollen Aspekte und Effekte dieser »wunderbaren Charaktereigenschaft«, die durch Ernsthaftigkeit, Tiefgang, und Empfindsamkeit gekennzeichnet ist, arbeitet Josef Zehentbauer in seinem Buch »Melancholie – Die traurige Leichtigkeit des Sein« heraus. 300 Jahre nach dem grundlegenden Werk von Robert Burton schlägt Zehentbauer eine Bresche für die Melancholie, die nicht therapiert oder gar bekämpft werden sollte, sondern als »Spannung zwischen Trauer und Licht« ausgehalten sein will. Dabei spannt er einen weiten Bogen. Er rekurriert auf die Philosophie und Geistesgeschichte, bezieht sich auf Gedichte und Zitate, die zum Nachdenken und Innehalten einladen, schildert Fallbeispiele aus der psychotherapeutischen Praxis und gibt praktische Ratschläge, wie melancholische Menschen ihre oftmals befremdende Schwere in positiv besetzte Lebensenergie wandeln können.

Zehentbauer will die Melancholie nicht nur rehabilitieren, weil ihr kreative Potenzen innewohnen. Er weiß an melancholischen Charakteren, die er mit großer Achtung und Empathie beschreibt, vor allem zu schätzen, dass ihre Fragen und ihr Zugang zur Welt von existenziellen Dimensionen getragen sind. So setzen Melancholiker einer primär an Konsum und Spaß orientierten Welt andere, komplexere Werte entgegen. Und genau deshalb, weil sich melancholische Menschen kontraproduktiv zum herrschenden Zeitgeist verhalten und Möglichkeiten eines anderen »modus vivendi« antizipieren, plädiert Zehentbauer für ein Mehr an Melancholie.

 Über den Autor

Josef Zehentbauer, geboren 1945, verheiratet, vier Kinder, Dr. med., langjährige Tätigkeit als Allgemeinarzt und Psychotherapeut in einer psychosomatisch-orientierten Gemeinschaftspraxis in München. Früher ärztliche Tätigkeit in Afrika (Nigeria) und Indien (Kalkutta), mehrjährige Arbeit in der Neurologie, in verschiedenen psychiatrischen Kliniken und der Akutstation einer Nervenheilanstalt sowie gemeinsame Projekte mit Franco Basaglia und anderen Exponenten der ›Kritischen Psychiatrie‹ Italiens. Mitarbeit an Fernseh- und Rundfunksendungen zum Thema Psychopharmaka. Zahlreiche Veröffentlichungen, Vorträge und Seminare über Psychiatrie, Psychopharmaka/Psycho-Drogen, Medizinkritik, Psychotherapie und alternative Heilverfahren.

Mich hat dieser Artikel besonders deswegen berührt, weil es etwas ist, worüber man selten bis gar nicht spricht. Es passt nicht in unsere, vom Leistungsethos geprägte, und der von Spaß-und Glücksindustrie gefütterte Gesellschaft. Momente , die von Tiefgang, Kreativität und Leidenschaft geprägt sind, haben in einer Neoliberalen, kapitalistischen Welt wohl kaum den selben Stellenwert. Rationalität, Evaluierung und Vereinheitlichung lassen selten Momente wie Tiefgang, Kreativität und Leidenschaft zu.

Eine Informationsseite von Peter Lehmann Publishing

Ich bin wie immer , und dieses mal ganz besonders: für ein mehr an: Melancholie als positive Kraft, Eigenverantwortung und Prävention, und ein weniger an Vereinheitlichung.

Fokus auf Emotion, Mitgefühl und Güte

Aus Sicht der  neurobiologischen Forschung, habe ich hier ein interessantes Interview gefunden, in dem einer der anerkanntesten US-amerikanischen Neurobiologen, Richard Davidson, seine Begegnung mit dem Dalai Lama und dem  Wandel in seiner Forschungsarbeit beschreibt. Glücklichsein als Fertigkeit, die Ausdauer und Übung erfordert und als Motor dient, um das Leiden anderer zu mindern. Ein Neurowissenschaftlicher Schulterschluss. Und hier das Interview dazu.

U&W: Dr. Davidson, wie hat der Dalai Lama Ihre Arbeit beeinflusst?
Dr. Richard Davidson: Als ich das erste Mal den Dalai Lama getroffen habe, war das ein einschneidendes Erlebnis für mich. Bei unserer Begegnung im Jahr 1992 fragte er mich, warum ich meine neurowissenschaftliche Forschung ausschließlich auf negative Gefühle wie Angst, Depression und Panik konzentriere, statt den positiven Emotionen wie Mitgefühl und Güte auf den Grund zu gehen. Dies war ein sehr wichtiger Moment für mich und meine wissenschaftliche Arbeit, ein sogenannter ‚wake up call‘, wie wir in den USA sagen. Ich habe es als Einladung empfunden, den Fokus von nun an auf die Meditation zu legen und die diesbezüglichen Forschungsergebnisse zu veröffentlichen.

U&W: Würden Sie sich als Buddhist bezeichnen?
Davidson: Lassen Sie es mich so formulieren: Ich praktiziere Buddhismus.

„Ich praktiziere Buddhismus.“

U&W: Warum sind manche Menschen glücklich und andere, die unter vergleichbaren Bedingungen leben, nicht?
Davidson: Es gibt viele Gründe, die die Zufriedenheit bei uns Menschen beeinflussen, und dies ist auch einer meiner Forschungsschwerpunkte am ‚Center for Investigating Healthy Minds‘.
Ziemlich wahrscheinlich hat die Zufriedenheit mit der früheren Lebenserfahrung eines Menschen zu tun, aber ebenso mit genetischen Faktoren und Kindheitserlebnissen. Es gibt also eine Vielzahl von Faktoren, die Einfluss nehmen. Was wir mittlerweile aber wissen, ist, dass sich das Gehirn formen lässt und dass man gewisse Regionen im Gehirn durch Training und Verhalten verändern kann – sowohl ins Positive als auch ins Negative.

„Der Dalai Lama wollte wissen, warum wir nicht die moderne Wissenschaft dazu nutzen, positive Emotionen wie Mitgefühl und Güte zu erforschen.“

U&W: Bedeutet das, dass wir Glücklichsein lernen können?
Davidson: Ich sage immer, dass Glücklichsein eine Fertigkeit ist – genauso wie Reiten, Fahrradfahren oder Lesen. Und wie jede Fertigkeit kann man auch das Glücklichsein erlernen, trainieren und sich darin verbessern, aber auch verschlechtern.

U&W: Mit Hilfe welcher Methoden können wir uns das Glücklichsein ‚aneignen‘?
Davidson: Kontemplative Methoden sind hier sicherlich sehr hilfreich. Aus der westlichen, wissenschaftlichen Perspektive gibt es vier wichtige Faktoren, die für das Glücklichsein ausschlaggebend sind. Der erste Faktor ist, dafür zu sorgen, dass positive Erfahrungen bestehen bleiben und dass das sich daraus ergebende Glücksgefühl lange anhält. Der zweite Faktor ist die Widerstandsfähigkeit eines Menschen und die Fähigkeit, sich von Rückschlägen möglichst rasch zu erholen. Der dritte Faktor ist Großzügigkeit. Unsere Forschungen zeigen, dass gelebte Großzügigkeit genau jene Gehirnströme positiv verändert, die für das Glücklichsein verantwortlich sind. Der vierte Faktor hat mit Achtsamkeit zu tun, damit meine ich, fokussiert sein, aufmerksam sein und die Gedanken geordnet haben. Diese vier Punkte sind in neurowissenschaftlichen Studien bestens erforscht – man muss sie beachten und befolgen, um dauerhaft glücklich zu sein.

U&W: Wie lange dauert es, bis sich das Gehirn durch Meditation oder Achtsamkeitstraining verändert?
Davidson: Das hängt von der jeweiligen Person ab, aber bereits kurze Trainingsperioden können wirksam sein. Wir haben in einer Studie festgestellt, dass sich das Gehirn schon innerhalb von zwei Wochen zu verändern beginnt. Dazu haben wir Menschen beobachtet, die über einen Zeitraum von zwei Wochen täglich jeweils eine halbe Stunde Mitgefühlsmeditation praktiziert haben. Nach insgesamt sieben Stunden Meditation, verteilt über zwei Wochen, haben sich im Gehirn bereits messbare Veränderungen vollzogen. Die Frage ist allerdings, wie lange diese Veränderung anhält, wenn man die Mitgefühlsmeditation wieder einstellt. Wir gehen davon aus, dass die Veränderung nicht von Dauer ist, wenn man nicht weiter praktiziert. Nur regelmäßige Meditation und Achtsamkeitsübung kann eine dauerhafte Veränderung herbeiführen.

„Aus buddhistischer Sicht ist eines der wichtigsten Ziele im Leben, das Leiden anderer zu lindern.“

U&W: Worin sehen Sie die Vorteile der Meditation gegenüber der herkömmlichen Psychotherapie?
Davidson: Das hängt von der Art der Therapie und der Art der Meditation ab, weil sich natürlich unterschiedliche Wirkungen ergeben. Meiner Meinung nach besteht das Problem bei der Psychotherapie darin, dass die Menschen normalerweise nicht täglich einen Therapeuten aufsuchen und die Therapie auch zeitlich begrenzt ist. Meditation hingegen kann täglich oder zumindest mehrmals wöchentlich über einen beliebig langen Zeitraum praktiziert werden. Es braucht einfach die Regelmäßigkeit und die zeitliche Dimension, um langfristige Veränderungen im Gehirn hervorzurufen.

U&W: Welche Meditationsform eignet sich hierfür besonders gut?
Davidson: Ich denke, es gibt verschiedene Arten von Meditation, die zu mehr Zufriedenheit führen. Sicherlich ist aber die Liebes-, Güte- und Mitgefühlsmeditation ein Weg, der sehr schnell positive Auswirkungen auf das eigene Wohlbefinden hat.

U&W: Ist Glücklichsein das ultimative Ziel im Leben?
Davidson: Ich glaube nicht, dass Glücklichsein das ultimative Lebensziel sein sollte, sehr wohl sollte es aber ein Nebeneffekt des ultimativen Ziels sein. Aus buddhistischer Sicht ist eines der wichtigsten Ziele im Leben, das Leiden anderer zu lindern. Dazu bedarf es Eigenschaften wie Großzügigkeit und Warmherzigkeit gegenüber unseren Mitmenschen. Und genau diese Eigenschaften helfen uns selbst dabei, glücklich zu sein. Der schnellste Weg, um glücklich zu werden, ist wahrscheinlich, wenn es uns gelingt, das Leiden anderer Menschen zu vermindern.

U&W: Haben Sie noch andere durch Meditation hervorgerufene Veränderungen beobachtet?
Davidson: Eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre ist, dass Körper und Gehirn in engem Zusammenhang stehen. Wenn sich das Gehirn verändert, hat das Einfluss auf den Körper und wenn sich der Körper verändert, dann verändert sich auch das Gehirn. Durch die bidirektionale Verbindung zwischen Gehirn und Körper beeinflusst die Mitgefühlsmeditation das Gehirn und das Gehirn wiederum den Körper. Überspitzt formuliert: Meditation kann die körperliche Gesundheit verbessern.

U&W: Was sind die neuesten Erkenntnisse aus Ihrer Forschungstätigkeit?
Davidson: Im letzten Jahr haben wir einiges aus dem Bereich der Epigenetik publiziert. Im Zentrum unserer Studie standen Menschen, die regelmäßig und sehr lange Meditation praktizieren. Dabei hat sich gezeigt, dass es genügt, einmalig täglich acht Stunden lang zu meditieren, um einen messbaren Effekt auf die Genexpression zu erzielen. Wir konnten bei unseren Probanden eine Reduktion der Entzündungsgene feststellen, diese Gene sind die Wurzeln für viele chronische Krankheiten.
Eine weitere Studie betraf die Mitgefühlsmeditation, die in vereinfachter Form in Vorschulen praktiziert wurde. Wir haben herausgefunden, dass die Mitgefühlsmeditation schon vier- bis fünfjährigen Kindern viele Vorteile bringt. Daraufhin haben wir ein ‚Kindness curriculum‘ entwickelt, welches jetzt in öffentlichen Schulen in den USA unterrichtet wird, und auch da haben wir signifikante Veränderungen bei den Kindern festgestellt.

„Ich denke, diese Bewegung zeigt den Menschen, dass sie die Verantwortung für ihre eigenen Gedanken tragen und selbst etwas für ihr Glück tun müssen.“

U&W: Arbeiten Sie eng mit Jon Kabat-Zinn zusammen?
Davidson: Ja klar. Meine Kollegen und ich forschen auch auf dem Gebiet der Achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction – MBSR) und stehen daher im engen Kontakt mit Kabat-Zinn. Darüber hinaus ist er ein sehr enger Freund und Kollege von mir.https://www.facebook.com/pages/Jon-Kabat-Zinn/105469655215

U&W: Was sagen Sie zu der derzeitigen Happiness-Bewegung?
Davidson: Im Großen und Ganzen finde ich sie gut. Sie hat zwar etwas Kommerzielles an sich, ist aber dennoch eine gute Idee. Ich denke, diese Bewegung zeigt den Menschen, dass sie die Verantwortung für ihre eigenen Gedanken tragen und selbst etwas für ihr Glück tun müssen.

U&W: Was machen Sie, um glücklich zu sein?
Davidson: Ich meditiere täglich – das ist mir sehr wichtig. Außerdem bin ich bestrebt, dass meine tägliche Meditation in meinen Alltag einfließt und meine Großzügigkeit geübt wird.

Dr. Richard Davidson, geboren 1951. Der US-Amerikaner ist einer der weltweit bekanntesten Neurowissenschaftler, die sich mit der Auswirkung von Meditation auf das menschliche Gehirn beschäftigen. Er ist Gründer des ‚Center for Investigating Healthy Minds‘ an der Universität von Wisconsin-Madison. Vom ‚Time Magazine‘ wurde er 2006 zu den einflussreichsten Menschen der Welt gezählt.

 Soviel zum Thema: Emotion, Mitgefühl und Güte