23.Dezember, Lemminge und Panikshoppen-Eine Vorweihnachtsgeschichte                                                                   

Die letzten Einkäufe stehen unweigerlich bevor. Es müssen ja mehrere Tage „überlebt“ werden. 10h Vormittag. Es ist auch mein Ziel heute. Sonderbar, auch andere sind bereits so zielorientiert unterwegs. Schon an der ersten Ampel ist kaum Platz am Gehsteig. Die vordere Reihe wird ungeduldig. Der erste quert bei Rot die Straße. Es gilt ja schließlich Zeit auf zu holen. Reflexartig ziehen mehrere hinterher. Der „Lemmingeffekt“, denke ich mir, und bin jedes mal wieder erstaunt, wenn er eintritt. So einfach funktioniert das eigentlich. Kein Wunder also, dass, denke ich erneut, aber daran will ich jetzt nicht denken.

Ich betrete den Einkaufstempel, und auch hier bietet sich mir neben einer Fülle an Waren, eine noch nie da gewesene Frequenz an Menschen, die teilweise mit langen Listen in der linken, und mit Einkaufskörben- oder Wägen in der rechten Hand, sich durch die Masse zu manövrieren versuchen. Ich atme kurz durch.

Erleichtert bin ich, als ich neben mir plötzlich eine Stimme höre. Es ist mein Sohn, den ich heute als Komplizen dabei habe. Wir bestücken uns mit Einkaufskörben. Lagebesprechung. Es gibt zwei Listen.  Der Plan ist gut, die Wege sind verteilt. Gut, es kann los gehen. „Treffpunkt beim Kühlregal“, sag ich noch, aber er ist schon auftragsmäßig in der Menge verschwunden. Ich muss nicht viel an meiner Liste abarbeiten. So lasse ich mir auch Zeit. An dem einen oder anderen Regal verweilend, um  einen Überblick über die Menge an gleicher, nicht herstellungsidenter Produkte zu bekommen, schnappe ich immer wieder Dialoge auf, deren Inhalt manchmal für die nächsten Tage nicht allzu friedvolles erahnen lassen. Dann wieder eine sich vorbeischiebende Frau mit Zwischengemurmel über die fehlenden Fisolen, oder ein Telefonat, indem sich ein kulinarischer Streit zwischen Mangold und Spinat entfacht hat. Es ist schon seltsam, aber auch amüsant. 

Ich bin schon am Weg zum Kühlregal, da treffe ich auf meinen Komplizen, der freudestrahlend auf seinen gut bestückten Einkaufskorb deutet. Er hat bereits alles . War ja klar. Er lenkt das Gespräch sofort Richtung Wursttheke. „Ach ja, Schinken“, den hab ich doch glatt vergessen. Wir stehen an. Der nächste Dialog zwischen Mutter und Sohn nebenan. Gleiches Szenario, denke ich, aber 25 Jahre später. Ich werde hellhörig. Der Sohn versucht seiner Mutter den fettarmen Putenschinken mit den Worten: “ das ist aber gut für dich“, zu verklickern. Sie wehrt ab und deutet auf die doch reichlich fettere Ausführung und rechtfertigt sich mit einer der Wurst vorgesehenen Verarbeitungsmethode. Ein Hin und ein Her. Dann schaut sie mich an, sieht meinen Sohn, und lacht. “ Das hört nie auf“, sagt sie, „nur werde ich halt jetzt immer belehrt“, fügt sie dann noch hinzu. Wir lachen beide. Froh über die endlich erworbene Beute, warten wir den Ausgang dieser Geschichte nicht ab, und wünschen noch angenehme Festtage.

Auf Richtung Kassa. Die Warteschlangen ziehen sich durch fast das halbe Geschäft. Beinahe erliege ich der Versuchung die Scannerkassen zu benützen. Nein, ich mache es nicht. Irgendwann gibt es auch diese Arbeitsplätze nicht mehr. Mein Sohn und ich spielen in der Warteschlange „Schätz die Summe“ und sondieren dabei die anderen Einkaufswägen. Endlich sind wir an der Reihe. Wir packen alles auf das Förderband. Jetzt wird gewettet. Wer näher an der Endsumme dran ist, der braucht den Trolley nicht nach Hause zu schieben. Hab natürlich verloren. 

Wir treten den Rückweg an. Endlich wieder an der frischen Luft. Vorbei an den stillen Baumriesen, die am Marktplatz noch ausharren müssen. Dem ihnen noch nicht bekannten Schicksal ausgeliefert. Schon bald stehen sie vielleicht im Wohnzimmer erhellt, eingespannt, und mit viel Brimborium aufgeputzt. Sie wissen, die Schönsten sind schon weg. Zum Teil stehen diese noch ganz prahlerisch herum in ihrer neuen Netzhaut, wartend auf den Besitzer. Die Übriggebliebenen warten geduldig. Sie wissen, irgendwann geht es ja doch Richtung Tierpark, aber vielleicht doch noch vorher ein Christbaum……….irgendwie erbärmlich, denk ich mir kurz.

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Meine Gedanken schweifen kurz ab. Es gibt eine Karte bei Activity. Umschreibe den Begriff: Tannenbaumwiedereinpflanzer“ Ich habe mich immer gefragt, wer das wohl macht, und vor allem wann??? Ich wünsche es denen, die noch da verbleiben.

Zurück am Weg. Vorbei an einigen Geschäften, die sich noch einmal voller Glanz und Glitter präsentieren, heute noch dreister, wie mir scheint. “ Heute Panikshoppen von 11-21h“ springt mir da ins Auge. Mein Blick hinein vermittelt mir allerdings ein ganz anderes Bild. Wie behaglich alles wirkt. Klein und fein. Ein Tisch, darauf Kekse und Tee, darum gruppiert einige bequeme Sessel. Es wird geplaudert, gelacht, gustiert, getuschelt, beraten, Meinung eingeholt und ausprobiert.  Eine wirklich sympathische Art von Panikshoppen, denk ich mir. Schade, dass ich eigentlich schon alles habe.

Und übrigens: Ich wünsche allen eine geruhsame und behagliche Zeit. Mögen es wundervolle Tage werden, die sich auch wiederholen dürfen. Auch ohne Fest. Denn, man glaubt es oft nicht. Jeder Tag ist eigentlich ein kleines oder auch großes Geschenk. 

 

 

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